Kennst du auch diese Situationen, in denen du dich über dich selbst wundern musst?
 
Du erschrickst ungewöhnlich stark, obwohl eigentlich gar nichts passiert ist oder reagierst gereizt auf eine Bemerkung, die für andere völlig harmlos erscheint. Oder du bekommst plötzlich Herzklopfen, einen Kloß im Hals oder Bauchschmerzen und kannst dir selbst nicht erklären, warum.

Sätze wie „Das ist doch längst vorbei,“ oder „Du musst einfach loslassen“ sind in solchen Augenblicken typische Reaktionen der Mitmenschen im Umfeld. Aber deshalb müssen sie nicht stimmen.
 
Unser Verstand kann vieles einordnen. Er kann Erlebnisse verdrängen, Erinnerungen verblassen lassen oder versuchen, einen Schlussstrich zu ziehen. Der Körper funktioniert jedoch nach anderen Regeln. Er bewertet nicht, ob ein Erlebnis schon Jahre zurückliegt. Er reagiert auf das, was er gelernt hat.
 
Dabei speichert der Körper keine Erinnerungen wie eine Festplatte oder legt Bilder oder Geschichten ab, auf die er später wieder zugreift. Was er sich aber merkt, sind Reaktionen.
 
Jedes Mal, wenn wir Angst empfinden, unter starkem Druck stehen oder uns hilflos fühlen, laufen im Körper innerhalb weniger Sekunden unzählige Prozesse ab. Das Gehirn erkennt eine Gefahr und gibt den Startschuss für ein biologisches Schutzprogramm. Stresshormone werden ausgeschüttet, Herzschlag und Atmung beschleunigen sich, die Muskulatur spannt sich an und die Durchblutung wird so verteilt, dass wir möglichst schnell handeln können. Gleichzeitig werden andere Aufgaben vorübergehend in den Hintergrund gestellt. Die Verdauung arbeitet langsamer, Regeneration und Fortpflanzung haben in diesem Moment keine Priorität. Der Körper konzentriert sich vollständig darauf, unser Überleben zu sichern.
 
Solange eine Belastung nur kurze Zeit andauert, ist dieses Programm äußerst sinnvoll. Sobald die Situation vorbei ist, beruhigt sich das Nervensystem wieder und der Körper kehrt Schritt für Schritt in seinen Normalzustand zurück.
 
Schwieriger wird es, wenn Belastungen über einen langen Zeitraum bestehen oder Erlebnisse so intensiv waren, dass das Nervensystem sie als dauerhafte Gefahr einstuft. Dann kann es passieren, dass dieses Schutzprogramm immer schneller aktiviert wird. Es genügt manchmal schon eine Stimme, ein Geruch, ein bestimmter Gesichtsausdruck oder eine Situation, die unbewusst an eine frühere Erfahrung erinnert. Noch bevor wir bewusst darüber nachdenken, hat das Nervensystem bereits entschieden: „Vorsicht.“
 
Viele Menschen erleben das als völlig unverständlich. Sie wissen mit ihrem Verstand, dass keine Gefahr besteht, und trotzdem reagiert ihr Körper, als müsse er sich schützen. Genau hier zeigt sich, was häufig mit dem Satz gemeint ist: „Der Körper vergisst nicht.“
 
Aus biologischer Sicht handelt es sich dabei um einen Lernprozess. Unser Gehirn versucht ständig, Muster zu erkennen. Es möchte Gefahren möglichst früh entdecken, weil das unsere Überlebenschancen verbessert. Hat es gelernt, dass bestimmte Situationen einmal mit Schmerz, Angst oder Überforderung verbunden waren, speichert es diese Information ab. Das bedeutet nicht, dass wir für immer so reagieren müssen. Es erklärt lediglich, warum der Körper manchmal schneller reagiert als unser bewusster Verstand.
 
Diese dauerhafte Alarmbereitschaft bleibt selten ohne Folgen. Ein Nervensystem, das sich kaum noch sicher fühlt, beeinflusst nach und nach viele andere Bereiche des Körpers. Schlaf kann unruhiger werden, die Verdauung empfindlicher reagieren, die Muskulatur dauerhaft angespannt bleiben und auch das Immunsystem verändert seine Arbeitsweise. Manche Menschen entwickeln chronische Erschöpfung, andere leiden unter Reizdarm, Migräne oder immer wiederkehrenden Schmerzen. Häufig lässt sich kein einzelner Auslöser finden, weil nicht ein Organ betroffen ist, sondern das Zusammenspiel vieler Systeme.
 
Das bedeutet nicht, dass jede Erkrankung durch belastende Erfahrungen entsteht. Unser Körper ist sehr viel komplexer. Gene, Ernährung, Nährstoffversorgung, Entzündungen, Infektionen, Umweltfaktoren und viele weitere Einflüsse spielen ebenfalls eine Rolle. Das Nervensystem ist jedoch wie ein Dirigent. Gerät es dauerhaft aus dem Gleichgewicht, wirkt sich das oft auf den gesamten Organismus aus.
 
Die gute Nachricht ist, dass unser Nervensystem lernfähig bleibt. Genauso wie es Schutzprogramme entwickeln konnte, kann es auch neue Erfahrungen abspeichern. Jeder Moment, in dem wir echte Sicherheit erleben, unterstützt diesen Prozess. Ausreichender Schlaf, Bewegung, stabile Beziehungen, Entspannung, eine gute Versorgung mit Nährstoffen und ein verständnisvoller Umgang mit den eigenen Grenzen können dazu beitragen, dass der Körper nach und nach wieder Vertrauen gewinnt.
 
Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke: Unser Körper arbeitet nicht gegen uns, sondern versucht jeden Tag, uns zu schützen. Manchmal benutzt er dafür Programme, die früher einmal sinnvoll waren und heute nicht mehr gebraucht werden. Wenn wir beginnen zu verstehen, warum er so reagiert, verändert sich oft auch unser Blick auf die eigenen Beschwerden. Aus einem scheinbaren Gegner wird ein Begleiter, der uns seit Jahren Signale sendet und darauf wartet, dass wir sie verstehen.
 
Meine Arbeit besteht darin, Menschen auch bei diesem Prozess zu  begleiten, denn ich arbeite ganzheitlich.
Quellen
Bessel van der Kolk: Verkörperter Schrecken – Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper (Original: The Body Keeps the Score).
Peter A. Levine: Sprache ohne Worte – Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt.
Bruce S. McEwen (1998): Protective and Damaging Effects of Stress Mediators. New England Journal of Medicine, 338(3), 171–179.